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Designporträt: Sebastian Herkner

von Laura Drühe

Sebastian Herkner vereint natürliche Materialien und traditionelles Handwerk mit modernen Formen. Ein Porträt über den Shootingstar des deutschen Möbeldesigns.

Irgendwas ist anders an diesem Tisch, bei dem es scheint, als würde die massive Tischplatte aus Messing über dem zarten Glassockel schweben. Als seien die beiden Elemente gar nicht miteinander verbunden. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich das Ungewöhnliche: Der Beistelltisch spielt mit dem Verhältnis von schwer und leicht und stellt Altbekanntes in einen neuen Zusammenhang. Statt der sonst üblichen zarten Glasplatte auf einem schweren Metallgestell nun also Metall auf Glas.

Portrait vom Designer Sebastian Herkner
Möbeldesigner Sebastian Herkner ist der derzeitige Shootingstar in der deutschen Designszene.
Foto: Ingmar Kurth

Bell Table: Handwerkskunst trifft modernes Design

Man muss sich nur diesen Bell Table anschauen, um viel über Sebastian Herkner zu erfahren. Der 34-Jährige, der als eine der größten deutschen Designhoffnungen gilt, verbindet natürliche Materialien wie Holz, Glas und Metall mit traditionellen Handwerkskünsten und neuen Technologien zu überraschenden Designs. „Verantwortung ist ebenso wichtig wie Funktionalität“, sagt er. Er liebt die direkte Zusammenarbeit mit Handwerkern und besucht sie gern an ihren Arbeitsplätzen. Seien es die Glasbläser der 450 Jahre alten Glasmanufaktur Freiherr von Poschinger im Bayerischen Wald, die den Sockel des Bell Tables fertigen oder afrikanische Korbmacher, mit denen er für das italienische Label Moroso an der Afrika-Kollektion arbeitet.

Mit ein Grund, weshalb Sebastian Herkner gern in Offenbach am Main lebt und arbeitet – der Stadt mit jahrhundertalter Handwerkstradition. Hier hat er Produktdesign an der Hochschule für Gestaltung studiert und 2006, ein Jahr vor seinem Diplom, sein eigenes Designstudio gegründet. Bereits während des Studiums präsentierte er in den Nachwuchs-Hallen der großen Möbelmessen seine Entwürfe und ging ein Jahr bei Stella McCartney in London in die Lehre, um ein Gefühl für Materialien, Farben und Texturen, aber auch für akribische Detailarbeit zu bekommen.

Entwürfe für Rosenthal und Moroso

Heute gestaltet Sebastian Herkner Möbel, Lampen und Wohnaccessoires für renommierte, internationale Firmen wie Moroso, Rosenthal, Carl Mertens, Pulpo, Leff Amsterdam, Jan Kurtz oder Very Wood by Gervasoni. Und ClassiCon, die den Bell Table 2010 in ihr Sortiment aufnahmen und dem damals gerade mal 29-jährigen Designer zum Durchbruch verhalfen. Alle großen Designzeitschriften berichteten über den ungewöhnlichen Tisch, der prompt mit dem Red Dot Award ausgezeichnet wurde. Einer von vielen Preisen, die Herkner mittlerweile sein Eigen nennen darf, darunter auch der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland als bester Newcomer.

Inspirationen für seine ausgefallenen Entwürfe sammelt Sebastian Herkner unter anderem auf Reisen und Flohmärkten. Aber auch Alltagsgegenstände regen ihn zum Nachdenken an. Etwa die Anti-Rutsch-Socke, die ihn auf die Idee eines Sofas mit Noppenbesatz für den italienischen Hersteller Moroso brachte. Oder das Foto eines Wasserturms, das als Inspirationquelle für seine berühmte Oda-Lampe diente, die er für das junge deutsche Label Pulpo entwarf.

Neben seiner Arbeit als Möbeldesigner erarbeitet Sebastian Herkner auch Inneneinrichtungskonzepte und gestaltet Ausstellungen auf Messen und Museen. Für die diesjährige Einrichtungsmesse imm cologne wurde er zum Guest of Honour ernannt und beauftragt, „Das Haus – Interiors on Stage“ zu gestalten – eine Simulation eines 200 qm großen Wohnhauses. Herkner entschied sich für einen runden, transparenten, nach allen Seiten offenen Entwurf, der seine Form wie ein Chamäleon verändern kann. Überraschend anders. Eben typisch Sebastian Herkner.

Im Aufmacher: Mit dem Bell Table schaffte Sebastian Herkner 2009 seinen Durchbruch. Der Tisch soll an den Schwung einer Glocke (engl.: Bell) erinnern. Durch den Glassockel wirkt die Metallplatte schwebend leicht. Foto: ClassiCon

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