Kolumne

Die Halloweenparty

 Stockfinster. Nur das. Zunächst …

Als ich die Augen öffne, ist da nichts als Schwärze. Und Stille. Es riecht komisch. Metallisch und irgendwie muffig. Mit einem Ruck setze ich mich auf. Wo bin ich? Nicht im Bett jedenfalls … Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Ich erkenne Umrisse: eine Wand direkt vor mir, ein bodentiefes Fenster neben mir. Ein Erinnerungsblitz durchfährt mich: Eine Party. Stimmt da war irgendwas. Ich taste mich ab. Oha – besonders viel habe ich nicht gerade an. Mir ist richtig kalt. Shit, wie viel habe ich denn getrunken? Ich taste mich an der Wand entlang – doch der Lichtschalter geht nicht. Natürlich nicht! Bekannt kommt mir der Raum schon irgendwie vor. Aber so….schmuddelig? Direkt vor meiner Nase erkenne ich etwas…sieht aus wie ein Kühlschrank. Oder das, was noch von ihm übrig ist. Dann ist sie plötzlich da … die Erinnerung … mit voller Wucht trifft sich mich bis tief in die Eingeweide.


Da war tatsächlich eine Party. Eine Halloweenparty. Es sollte gleichzeitig meine Abschiedsfeier werden. Vor ca. einem halben Jahr war ich nach Hamburg gezogen, um ein Praktikum in einer tollen Redaktion zu machen. Innerhalb kürzester Zeit habe ich nicht nur den Job, sondern auch die Mitarbeiter schätzen gelernt. Einige habe ich sogar richtig lieb gewonnen. Somit hatten sich alle eine große Ausstandparty mehr als verdient. Das war’s dann auch schon wieder mit der Erinnerung und ich war wieder allein mit mir selbst. Mehr wollte mir partout nicht einfallen. Also wenn hier wirklich eine Party gestiegen ist, dann ist diese auf jeden Fall ganz schön aus dem Ruder gelaufen – so viel steht fest! Vorsichtig trete ich ein paar riesige Scherben beiseite. Es besteht kein Zweifel mehr: ich befinde mich in unserer Lounge, dem Aufenthaltsraum meiner Firma. Oder zumindest in seinem schmutzigem Zwillingsbruder …. Dabei ist die Lounge das Herz der Firma. Hier trifft man sich in der Pause oder nach Feierabend auf ein Bierchen. War die Party wirklich so wild, dass jetzt kaum noch etwas übrig war von dem zuvor liebevoll eingerichteten Raum? Und überhaupt, wo sind eigentlich alle? Ich kann mir nicht vorstellen, dass mich meine Kolleginnen einfach so zurückgelassen haben – es sei denn, ich wollte es so …

Als ich durch die Tür in den Flur will, stelle ich fest, dass es keine Tür mehr gibt. Okay … das ist … irgendwie gruselig. Eine Tür, die sich in Luft auflöst? Mir brummt der Schädel, ich mache mich auf die Suche nach meiner Tasche. Irgendwo hab ich da sicher noch eine Kopfschmerztablette. Als ich den Flur betrete, erinnere ich mich wieder: Wie wir mit unseren Kostümen über den Flur gegeistert sind. Wow, coole Verkleidungen! Ein grausames Schneewittchen; ein asiatisches Monster mit scharfen Zähnen und reichlich Fleischhunger, eine Dirndl-Untote; eine blonde Vampirella; eine angsteinflößendes Colossal-Woman; ein irrer Bugs Bunny; ein surfender Haikiller; der Motivator des Schreckens und ein Alles-Hater. Ich ging relativ unspektakulär als Zombie-Luder.

Ein lauter Schrei drängelt sich in der Erinnerungssequenz vor und ich halte mir unwillkürlich die Ohren zu. Laute Musik und Blitzlicht auf der Tanzfläche: Vampirella liegt regungslos auf dem Fußboden. Jemand schreit, wahrscheinlich ich. Die Musik geht aus, das Licht an. Es bestand kein Zweifel, Vampirella war tot. Alle versuchen hektisch die Polizei zu verständigen, doch keine Chance, die Leitungen sind Tot, die Handys ebenfalls. Die Dirndl-Untote reißt das Kommando an sich. Der Motivator und Bugs Bunny sollen die Eingangstür am anderen Ende des Gebäudes checken. Das asiatische Monster und Colossal-Woman werden auf die Terrasse geschickt, um dort um Hilfe zu rufen. Ich bleibe mit dem Rest in der Lounge zurück und kämpfe mit der Angst. Was zur Hölle war hier los? Schneewittchen und der Alles-Hater nutzen die Zeit für detektivische Denkarbeit. Vor lauter Panik wird mir so schlecht, dass ich Ihnen kaum folgen kann. Da Vampirella keine sichtbaren Verletzungen hat, kommt eigentlich nur ein innerer Auslöser in Frage. Vielleicht war sie krank? Oder aber … „GIFT“…

Was hatte Vampirella getrunken? Blutpunsch. Den hatte ich auch-vielleicht war mir deshalb so übel. In Gedanken verfasse ich schon mal meine letzten Worte bei WhatsApp. Ach Mist – Handys waren ja tot - ich würde also ohne hochphilosophische Abschiedsworte gehen… Nicht mit mir! Ich sprang auf und lief nervös auf und ab. Und warum zum Giftmord sagt der Neue, verkleidet als surfender Haikiller, eigentlich nichts dazu? In diesem Moment zerreißt erneut ein ohrenbetäubender Schrei die angespannte Stille. Das asiatische Fleischmonster stürmt von der Dachterrasse herein. „Ich hab mich nur für eine Sekunde umgedreht und dann war Sie plötzlich weg! Jetzt liegt Sie da unten! Was? Wir stürmen auf die Terrasse. Ich sehe nicht über das Geländer. Das konnte doch kein Zufall sein. Erst Vampirella, jetzt Colossal-Woman. Die anderen begannen mit dem Verhör des asiatischen Fleischmonsters. So groß und stark, wie Colossal-Woman war, hätte das Fleischmonster sie nicht so locker über den Jordan werfen können. Und warum sollte sie das auch tun? Und wo zum Gemetzel blieben überhaupt Bugs Bunny und der Motivator?

Die Dirndl-Untote schnappt sich leider mich und wir machen uns auf die Suche. Die Eingangstür ist verschlossen. Keine Spur von den beiden Männern. Als wir einen Blick auf die Männertoilette werfen, jagt es uns einen Schauer über den Rücken. Das ist aber ziemlich viel Blut! Trotzdem keine Spur von Bugs-Bunny und dem Motivator. Jetzt war es offiziell: Hier war jemand unter uns, der alles andere als Gutes im Sinn hatte. Auf dem Weg zurück zur Lounge gingen die Dirndl-Untote und ich noch in sämtlichen Räumen vorbei, um alles, was man als Waffe gebrauchen könnte einzusammeln. Merkwürdigerweise konnten wir nichts finden. Keine Scheren oder Brieföffner – alles weg.

Zurück in der Lounge erwartete uns bereits das nächste Grauen: Das asiatische Monster war tot. Sie war an einem großen Stück Fleisch erstickt. Wie zum Galgen, konnte sie jetzt überhaupt etwas essen? Ratlose Gesichter. Ich sehe in die stark geschrumpfte Runde: Schneewittchen, die Dirndl-Untote, der Haikiller, der Alles-Hater und ich. Nicht mehr viele übrig von uns. Merkwürdig, wie die Angst irgendwann so übermächtig wird, dass man sie kaum noch wahrnimmt. Ich fülle mir ein großes Glas Wasser ein und lehne mich auf dem Sofa zurück. Schneewittchen lässt sich mit einer Tasse Tee in der Hand neben mich sinken. Der Alles-Hater setzt sich dazu. Für einen Moment erscheint alles fast friedlich. Plötzlich fällt das Klischee von der Decke und erschlägt den Alles-Hater. Das Klischee, so hatten wir liebevoll unseren prunkvollen Kronleuchter in der Lounge getauft. Ich muss mich zusammenreißen, nicht in hysterisches Gelächter auszubrechen, während Schneewittchen sich um die nächste Leiche kümmert. Was ist das für ein Irrenhaus hier!

Die Dirndl-Untote zieht mich beiseite: „Wir müssen hier schnellstens raus! Ich gehe nochmal zur Tür, es muss doch einen Weg hier raus geben! Bin gleich wieder da.“, die Dirndl-Untote ist zweifellos am Durchdrehen. Wer Horrorfilme kennt, weiß, dass niemand, der sagt, dass er gleich wieder da ist, jemals lebend zurückkehrt. Na ja, Reisende soll man nicht aufhalten hat meine Oma immer gesagt. Ich hatte auch gar keine Kraft mehr für Überzeugungsarbeit. „Könntest Du nicht bitte diese gruseligen Kontaktlinsen raus machen? Die lenken mich voll ab“, merke ich stattdessen an. Die Dirndl-Untote rollte genervt mit den Augen, was die Kontaktlinsen zu meinem Erstaunen gut verkraften, und verschwindet aus der Tür.

Seltsam, als ich mich umdrehe ist niemand weiteres im Raum. Wo zum Serienkiller war Schneewittchen? Im selben Moment entdecke ich eine sich im Todeskampf windende Gestalt auf der Terrasse. Ich versuche zu ihr zu gelangen, doch vergebens. Die Tür klemmt und ich muss hilflos mit ansehen, wie Schneewittchen von einer Schar Tauben zu Tode gepickt wird. Ich konnte diese Vögel noch nie leiden. Und dann wurde es mir plötzlich klar: WO ZUM RIPPER WAR DER SURFENDE HAIFISCHKILLER? War er überhaupt noch im Raum nach Vampirellas Abgang? Ok, offensichtlich war er ein verdammter Berufsmörder, doch diese Erkenntnis nützte mir jetzt, angesichts meiner schutzlosen Alleinsamkeit auch nicht mehr viel! Häschen in der Grube, Du bist nicht allein!

Wie nicht anders zu erwarten, ertönt im selben Moment eine gemeingefährliche Musik aus den Lautsprechern. Wie üblich bei Schonfristen, dauerte auch diese nicht sehr lang. Unter die Musik mischt sich der Ruf nach meinem Namen. Buah, ein widerliches Lachen! Jetzt würde er gleich kommen und mich holen. Noch könnte ich von der Dachterrasse springen. Aber was sollte das bringen? Was war mir lieber: zermatscht bis zur Unkenntlichkeit auf einem Großstadtpflaster liegen oder in Würde ausbluten? Ich dachte an das arme Bestattungsunternehmen und entschied mich für den Erhalt der grundlegenden Körperstruktur. Vielleicht konnte ich den Killer ja auch noch mit meinem Charme bezirzen. „ICH! KRIEGE! DICH!“ Okay, als diese Drohung in ohrenbetäubender Lautstärke durch die Lausprecher ertönt, fühlen sich meine Bedenken bezüglich der Ästhetik meines toten Körpers nicht mehr allzu gewichtig an. Der übliche Laut des Bezirzen blieb mir in der Kehle stecken, als der Wahnsinnige die Tür mit einem Satz aus den Angeln reißt und sofort an meiner Kehle hängt…

Jetzt stehe ich hier allein in der verwüsteten Firma. Warum bin ich noch immer da? Ich müsste doch tot sein, wie alle anderen…. Wo sind die…Überreste der anderen? Heiliger Scream – jetzt habe ich wirklich Angst. Schnurstraks laufe ich über den Flur und gehe einfach zur Tür hinaus. Müsste nicht die Tür noch immer verschlossen oder zumindest schwer zu öffnen sein? Die Türklinke in der Hand wäre auch ein glaubhafter Effekt gewesen. Nix, auch der Fahrstuhl spielt nicht den Poltergeist. Der Bahnhof war um diese Zeit dafür umso gespenstisch leerer.

„Hey“ Mit einem halberstickten Schrei weiche ich von meinem Sitznachbarn in der Bahn zurück. Der surfende Haifischkiller sitzt seelenruhig neben mir und lächelt mich an. „Hab keine Angst“, fährt der Verbrecher mich an und ergreift meine Hand. Nette Augen…Killeraugen wohlgemerkt! Aber nett… Ich bemühe mich angstlos auszusehen. Und dann bricht es aus Ihm heraus. Dass dies alles nur ein Spaß war. Dass sie sich das nur ausgedacht hätten, um mich zu erschrecken. Es sollte mein Abschiedsgeschenk von allen sein, da ich doch so auf Horrorfilme stehe. „Ach so Ja! Mensch! Geile Nummer!“, hätte ich ja gerne geantwortet. Danach war mir aber nicht wirklich. „Na die können was erleben!“, fauche ich den enttarnten Möchtegern-Michael-Myers an. Huch, wo ist er denn hin? Sehr unhöflich, sich einfach so aus dem Staub zu machen! Trotzdem bin ich einfach zu müde, um mir darüber Gedanken zu machen.

Am nächsten Morgen bin ich immer noch ziemlich wütend. Aber ich zwang mich, meinen ersten freien Tag nach dem Praktikum zu genießen. Gemütlich frühstücken und dabei etwas Radio hören. Als die Nachrichten angesagt werden, bleibt mir mein Brötchen im Hals stecken: „Ein grausamer Massenmord in der Innenstadt erschüttert die Hamburger. Mindestens acht Menschen werden auf einer Firmenfeier getötet. Die Leichen wurden zusammen auf einer der Herrentoiletten gefunden. Ob es sich dabei um einen oder mehrere Täter handelt, ist dabei noch ungeklärt. Die Polizei fahndet nach den übrigen Mitarbeitern der Firma.“

Die Türklingel vermag nicht, mich aus meiner Schockstarre zu reißen...

 

Text: Anne Timm

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